Sauer auf Süss

Wie ich meinem Diabetes den Krieg erklärte

Ausgangslage

Im Jahr 2015 aufgenommenes Bild (Lisa Bahr): 150 Kilo.
Im Jahr 2015 aufgenommenes Bild (Lisa Bahr): 150 Kilo.

So lange ich denken kann – einige meiner „Feinde“ würden nun sagen ‚das kann noch nicht so lange her sein‘ – lebe ich mit Übergewicht. Daran ist niemand schuld, ausser ich selber! Ich stopfte schon immer alles in mich hinein, was ich zwischen die Zähne bekam und die Folgen der ständigen Gewichtszunahme waren mir schlicht egal. In der Schule war das Dicksein nicht immer schlecht. Ich durfte oft im Turnunterricht Übungen auslassen, da ich diese eh nicht machen konnte, oder diese sogar gefährlich für mich waren. Manchmal war Dicksein aber auch mühsam und peinlich, dann wenn es darum ging im Turnen unter diesen schmalen „Holzbänggli“ durchzukrabbeln. Ich blieb stecken und es wurde gelacht. Diese „Lacher“ trafen mich damals schon, aber unbewusst wandelte ich das Gelächter in was Positives um. Mir wurde in der Schule schon klar, dass Dicksein auch grosse Vorteile bringen kann. Man wird mit Bauch weniger ernst genommen das heisst, man kann Dinge sagen die bei dünnen Menschen schnell erboste Reaktionen hervorrufen würden. Ich will nun nicht sagen, dass ich deswegen „frech“ war, aber ich erlaubte mir Sachen und Kommentare, die bei den Empfängern unter ‚ach der kleine Dicke‘ abgebucht wurden. Da ich wegen des Übergewichts mich nicht gerne bewegte, suchte ich mir Hobbys die ich zu Hause und meistens im Sitzen machen konnte. Ich lernte Akkordeon und Tuba und entdeckte schon bald mal mein Interesse am Theaterspielen. Alles durch Zufall, denn an Vorbestimmungen glaube ich nicht wirklich. Nichts ist vorbestimmt. Man begünstigt durch sein Tun (oder eben durch sein Nichtstun) den Verlauf seines Lebens und die damit verbundene Gesundheit. Im Laufe der Jahrzehnte nahm ich immer mehr zu bis ich im Jahre 2000 stolze 160 Kilo auf die Waage brachte. Und da fing alles an…

Vom Rücken ausgebremst

Zuerst hatte ich nur leichte Rückenschmerzen. Diese ignorierte ich mit Erfolg und die eine oder andere Schmerztablette unterstütze mich dabei. Irgendwann konnte ich nicht mehr ohne Tablette aus dem Bett hochkommen, das verdrängte ich so gut es ging, denn Arztbesuche waren mir ein Greul. Wiegt man 160 Kilo hat der Arzt unerschöpfliche Argumente und Erklärungen für jedes Wehwehchen. Wenn Ärzte nicht weiterwissen, dann ist Übergewicht sowieso der Auslöser aller Probleme. Bei Untergewichtigen ist es ihr Untergewicht. Bei Normalgewichtigen, dass sie normal sind. Egal, das ist ein anderes Thema.

Zucker? Was?

Eines Tages waren die Schmerzen so unerträglich, dass ich zum Arzt musste. Im linken Bein hatte ich kaum noch Gefühl und sogar Atmen tat so weh, dass ich es nur noch oberflächlich tat. Ich hörte ihn schon sagen: „Abnehmen, dann geht’s ihnen besser!“ Stattdessen sagte er: „Bandscheibenvorfall!“ Bisher kannte ich das nur vom Hörensagen und ich hätte damals viel dafür gegeben, wenn das auch so geblieben wäre. Der Arzt wies mich ins Spital ein. Bei den allgemeinen Untersuchungen beim Spitaleintritt wurde auch mein Blutzucker gemessen. Bisher war mir dieser gänzlich unbekannt, da wir nie zusammen zu tun hatten. Die Schwester piekte mich mit einer Nadel in den Finger und drückte den roten Saft auf ein kleines Plastikplättchen, welches sie zuvor in ein Messgerät gesteckt hatte. Nach ein paar Sekunden piepste der Apparat und die Schwester machte grosse Augen. „Das kann nicht sein…“ brummelte sie vor sich hin, nahm einen meiner anderen Finger – ich hatte ja noch genug vorrätig – und piekte mich in einen noch jungfräulich ungepiekten. Das Messgerät zeigte vermutlich nichts Neues an und sie piekte weiter. Bald schon gingen mir die Finger aus und die Schwester verschwand mit den Worten: „Ich glaube das Messgerät ist hinüber.“ Kurz darauf kam sie mit einem neuen Gerät und voller Tatendrang zurück und der Aderlass ging weiter. Erst als sie mich anschaute und meinte: „Das habe ich ja noch nie erlebt“ bekam ich es mit der Angst zu tun. Bald kam ein Arzt dazu. Dieser studierte die Aufzeichnungen der Schwester und er setzte die Brille gedankenschwanger ab. „Sie haben Zucker, Herr Salvi!“ Damals wusste ich nicht genau was mir der weissbekittelte Mann da sagen wollte. Was Ärzte meinen, wenn sie was sagen war mir schon immer ein kleines Rätsel und ich bin mir sicher, dass es vielen Ärzten dabei nicht anders geht. Natürlich musste ich Zucker in mir haben, denn ich nahm ja auch viel Zucker zu mir. Erst als die Weisskittel immer mehr wurden und sie untereinander mit lateinischen Fachausdrücken um sich warfen wusste ich, dass ich das was ich da hatte nicht auf die leichte Schulter nehmen konnte. Mein Bandscheibenvorfall schien niemanden mehr sonderlich zu interessieren, was mir zusätzlich klarmachte, dass es da eine grössere Baustelle gab.

Weniger Kilos gleich weniger Gewicht? Von wegen!

Ich musste daraufhin zwei Wochen das Spitalbett hüten. Diätkost war angesagt und täglich Bewegungstherapie unter strenger Aufsicht. Krafttraining und Sport waren Tagespflichten. Schon nach ein paar Tagen hatte ich die ersten Kilos abgenommen. Das motivierte mich und den attraktiven Krankenschwestern wollte ich zeigen, dass tief in mir drinnen ein kleiner Arnold Schwarzenegger steckt. Noch im Spital entwickelte ich einen unbändigen Ehrgeiz meinen Kilos den Kampf anzusagen. Wenig Kilos gleich kein Zucker. Das wurde mir damals eingeredet.

Aus dem Spital entlassen besorgte ich mir ein Velo und ein Abo in einem Fitnesscenter. Beides nutzte ich nun täglich über neun Monate lang. In dieser Zeit bauen Frauen oft ihren Bauch auf, ich baute meinen ab. In einem Dreivierteljahr verlor ich 80 Kilo. Schon fast krankhaft motiviert musste ich täglich Velofahren oder das Fitnesscenter besuchen. Stieg ich auf den Velosattel verliess ich diesen erst nach 90 Kilometern. Ich wollte es meinem Körper zeigen wer hier der Chef ist und dass es ein Fehler war, sich mit mir anzulegen. Ich verlor wo es nur ging. An Gewicht, an Kraft, an Energie und schliesslich verlor ich auch regelmässig die Hosen von den Hüften. Kein Übergewicht mehr zu haben stand nun ganz im Fokus. Da ich damals noch glaubte, dass Schlanksein automatisch auch hiess keinen Diabetes mehr zu haben nahm ich keine Medikamente gegen meinen „Alterszucker“ (Diabetes Typus 2) und kontrollierte auch den Blutzucker nicht mehr. Ebenso mied ich jede Arztpraxis, denn sicherlich hätte der Arzt damals zu mir gesagt: „Herr Salvi passen sie auf, was sie da tun ist nicht gesund…“

 

Es war klar, dass ich dieses hohe Sportpensum, das ich mir selber auferlegte nicht durchzuhalten war und es ist bekannt, was auf extreme Diäten in der Regel folgt: Das Gegenteil!

Zweite Chance

Die kommenden Jahre nagten an mir und ich nagte an vielen leckeren Dingen. Nach vier Jahren als Schlanker eroberte der Dicke in mir immer mehr Platz und breitete sich zunehmend aus. Meine Bühnentätigkeit war immer auch eine „Entschuldigung“ für meine Zusatzpölsterchen. Mit mehr Masse im Rampenlicht bekommt man mehr Aufmerksamkeit. Ich redete mir täglich ein, dass ich nun mal so bin wie ich bin und oft trällerte ich in Gedanken aus dem Musical ‚La Cage aux Folles‘ den Song „i am what i am“. Mit dem Gewicht kamen wieder die Rückenschmerzen an den Ort ihrer Entstehung zurück und ich sass schon bald wieder in einer Arztpraxis. Unterdessen war es nicht mehr üblich Patienten mit Bandscheibenproblemen gleich ins Spital einzuweisen. Man versuchte es zunächst mit Medikamenten. Ich erhielt eine Spritze (ein sogenanntes Kortison-Depot) und erneut eine „Predigt“, dass ich unbedingt mein Gewicht in den Griff bekommen solle. Der Blutzuckertest fiel da natürlich erwartungsgemäss schlecht aus und der Arzt meinte scherzhaft, dass in den Leckereien der „Confiserie Schiesser“ (am Marktplatz Basel) weniger Zucker drin wären als in mir.

Pillen und Spritzen

Man verschrieb mir Pillen gegen meinen unkontrollierbaren Diabetes (Glucophage, Allopur) und ich bekam eine Einweisung, wie ich mit dem Insulinpräparat umzugehen hatte, welches ich mir in den Bauch spritzen musste. Nun war ich beruhigt, denn mein Glaube in die Pharmaindustrie war damals noch rein. Tatsächlich dachte ich, dass Medikamente dazu da sind, jemanden gesund zu machen. Dass sie auch krank machen konnten war mir erst viel später klar.

 

Das Jahr 2015 hatte gerade erst begonnen und ich schwankte mit meinem Gewicht, wie ein Alkoholiker nach zu hoher Dosierung seiner Tagesration, zwischen 135 und 147 Kilo. Zu dieser Zeit suchte das Kantonsspital Basel Menschen mit starkem Übergewicht die Diabetiker sind für eine Studie. Klar fühlte ich mich angesprochen und ich meldete mich zur Studie an. Eingangs wurde ich auf alles Mögliche hin untersucht und durchleuchtet. Es schien, als wäre ich eine wahre Goldgrube, denn mein „Zustand“ war offensichtlich derart spannend und passend für weitere Studien die im UNI Spital Basel gerade liefen. So nahm ich dann innert einem Jahr gleich an mehreren Studien teil und ich sammelte Urin, spritze mir Rheumamedikamente und schluckte Pillen – alles im Dienste der Wissenschaft. Bei einer allgemeinen Kontrolle sprach mich ein Oberarzt auf die Möglichkeit an, Übergewicht operativ zu verlieren. Eine Magen-Bypass-Operation würde bewirken, dass man viel Gewicht verliert und die damit verbundenen Folgekrankheiten. Ich winkte ab. Wenn ich in den letzten Jahren was gelernt hatte dann das, dass Schlanksein nicht gleich „zuckerfrei“ bedeutete. Ferner kam hinzu, dass ich mich nie als „Krank“ definierte. Diabetes zu haben war für mich nie eine Krankheit und gesunde Menschen sollte man nicht auf den OP-Tisch legen – war meine Überzeugung.

OP mit gewollter Nebenwirkung

Die Information am Magen rumzuschnippeln und danach Gewicht zu verlieren liess mich aber irgendwie nicht mehr los. Ich recherchierte im Internet und las viele Berichte über Mageneingriffe und deren Erfolge und Folgen. Die Zeit verstrich und die Umsätze, die ich durch meine stetig erhöhten Medikamentendosen generierte wuchsen, wie mein Bauchfett. Es war irgendwann im Januar 2016 als ich wieder eine Arztvisite hatte mit allen dazugehörenden Abklärungen und Blutwerten. Mein Blutzuckerspiegel glich damals dem Profil einer Tour de Suisse Bergetappe und mit der Menge an Medikamenten die ich täglich zu mir nahm, hätte mir schon bald eine eigene Apotheke zugestanden. Erneut sprach mich der Arzt auf die Möglichkeit einer bariatrischen Operation an. Das klang nun etwas weniger bedrohlich, war aber dasselbe: Magen-Bypass. Da es mir zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nicht mehr so gut ging und die erhöhten Dosen meiner Pharmazeutischen Hilfsmitteln mir mehr Nebenwirkungen als Linderung brachten willigte ich ein, mir das Ganze zu überlegen. Ein paar Tage später besuchte ich den ersten von vier Vorbereitungskursen (die sind Pflicht und das ist gut so) war mir dabei aber sicher, diesen nur als Info-Veranstaltung zu besuchen, da ich mich nie operieren lassen würde. An einem dieser Abende war auch der Chirurg anwesend. Er erklärte die beiden OP-Arten und deren Abläufe (Schlauchmagen und Magen-Bypass). An diesem Abend habe ich dann spontan auf das Nachtessen verzichtet. Obschon die OP mittels „Schlüsselloch-Methode“ durchgeführt wird (minimalinvasive Operationstechnik) ist sie eine blutige Angelegenheit, bei der am Magen und am Darm geschnitten und genäht wird. Eigentlich hatte ich bereits schon mit dieser OP abgeschlossen. Ich bin nun mal dick und habe ein paar Zipperlein und 100 Jahre alt will ich sowieso nicht werden! Irgendwann erwähnte der Chirurg noch eine Nebenwirkung der OP, die man sich bis heute – und solche OP’s werden nun seit 25 Jahren gemacht – nicht erklären kann. Als Nebeneffekt des Eingriffes erholt sich die Bauchspeicheldrüse und es kann sein, dass Diabetiker „geheilt“ werden. Zuhause betrachtete ich den Berg an Medikamentenschachteln und im Kühlschrank die gelagerten Insulinspritzen. Ich malte mir aus, welche ungeahnten Platzressourcen wir dadurch zu Hause gewinnen würden. Die Entscheidung war gefallen!

 

Das Jahr 2016 war dann ausgefüllt mit Arztterminen, Untersuchungen, Besprechungen und der OP Planung. Obschon das Ganze danach klingt, als müsse man sich nur auf den OP Tisch legen und ein „Zauberer“ im grünen Mundschutz vollbringt ein Wunder, ist die ganze Angelegenheit davon abhängig was man selber dafür tut.

Jede Nacht "Star Wars"

Die ganzen Voruntersuchungen fördern zahlreiche andere Baustellen zu Tage wie eine Tunnelbohrmaschine den klumpigen Granit. Damit ich zur OP zugelassen wurde und das Risiko eines Misserfolges während der Operation minimiert wurde musste ich ein paar zusätzliche Therapien über mich ergehen lassen. Das war sehr unangenehm und ohne Willen kaum zu schaffen. Ich erhielt damals eine „Schlafmaske“ da eine Untersuchung ergab, dass ich an Schlafapnoe litt. Meine Atemaussetzer in der Nacht waren zu häufig und zu lange, was bei einer Narkose ein zu hohes Risiko bedeutete. Mit einer „Maske“ zu schlafen ist nicht lustig. Da ich diese noch (als Nach-Therapie) bis Dezember 2017 benutzen muss und die ein-und ausströmende Luft so klingt, als stünde „Darth Vader“ neben dem Bett, träume ich seither jede Nacht von „Star Wars“.

 

Unvorbereitet darf man diese Operation nicht machen. Das gilt für den „Kopf“ und für den „Bauch“. Man sollte gedanklich bereit sein und auch körperlich. Eine Vorbereitungsdiät ist Pflicht und wichtiger als man vor der OP annimmt. Die Vorbereitungsdiät (null Fett, null Kohlenhydrate, wenig Menge) bewirkt, dass die Leber schrumpft und das Operieren am Magen, der von der Leber leicht abgedeckt wird besser funktioniert. Der Operateur muss, wenn die Leber sich quasi zurückgezogen hat, diese nicht zur Seite schieben und Verletzungen an dieser werden vermieden. Diese Vorbereitungsdiät sollte man in der Regel drei bis vier Wochen vor der OP beginnen. Wie immer bei mir gab es da ein „Problem“. Mein OP Termin war auf 5. Mai 2017 festgelegt. Den ganzen April hindurch spielte ich eine anstrengende Rolle in einem Theaterstück („Pension Schöller“, Pamy Gmbh) und ich hatte Befürchtungen, dass eine gleichzeitige Extremdiät mir meine dafür nötige Energie raubt. Also begann ich die Diät schon Anfang März, also acht Wochen vor der OP und während den Proben zum Stück. Das war kein Zuckerschlecken – Zucker passt sowieso zu keiner Diät – und es war enorm anstrengend täglich auf der Probe alles zu geben. Ich hatte kaum Energie und benötigte aber viel davon. So zog ich die Vorbereitungsdiät zwei Monate durch und verlor vor der OP 15 Kilo an Gewicht. Meine Leber schrumpfte, wie das Gemächt eines Nudisten im kalten Bergsee und ich war froh, als es 5. Mai 2017 wurde.

Reset: Alles auf Anfang

Der Tag der OP. Ich checkte mit 132 Kilo im Unispital ein. Nervosität kannte ich ja von meinem Job auf der Bühne, aber was ich da an diesem Tag spürte war weitaus mehr. Es war angst. Es war Panik. Panik davor, was alles auf mich zukommen wird. Während der OP, aber vor allem danach. Obschon die Infokurse, die Ernährungsberatung und der Chirurg im Vorfeld wirklich alle meiner Fragen beantwortet hatten und ich eigentlich genau wusste, was da nun geschieht. Viele Betroffene, die diese OP schon hinter sich gebracht hatten berichteten davon, dass sie danach neu geboren wurden. Da ich schon mal geboren wurde, aber keine Erinnerung mehr daran hatte, half mir diese Information nicht unbedingt weiter. Ich lag irgendwann im Vorbereitungsraum zum OP-Saal und es wurde dunkel. Drei Stunden später erwachte ich. Eine Neugeburt hatte ich mir deutlich anders vorgestellt. Irgendwie majestätischer mit mehr Pathos. Ich erhielt auch keinen Klaps auf den Po. Erst das zufriedene Gesicht des Chirurgen der mir mitteilte, dass die OP bestens geglückt sei erweckte in mir das Gefühl eines Neuanfanges.

 

Klar hatte ich Schmerzen! Da wurde am Magen rumgeschnitten, der Darm wurde neu konfiguriert, der Bauchraum mit Gas aufgebläht um mehr Platz für die OP-Instrumente zu haben, sowas muss ja weh tun. (siehe Abbildung)

Da die Schwestern im Spital aber alle sehr attraktive Damen waren, liess ich mir nichts anmerken. Dazu kam, dass ich das ja wollte! Da muss man auch was aushalten können!

 

Heute (zum Zeitpunkt dieser Aufschreibungen vier Monate nach der OP) tendiere ich, wie viele andere operierten dazu, diesen Eingriff herunter zu spielen. Der Eingriff wird sehr häufig durchgeführt und es besteht eine gewisse Routine. Trotzdem bleibt es ein Eingriff und die Folgen davon sind sichtbar (das ist toll) aber auch unsichtbar (das kann weniger toll sein) und sie werden mich das ganze Leben begleiten.

Unerwartete und erwartete Nebenwirkungen

In den ersten Tagen nach der OP verspürt man keinerlei Lust auch nur Flüssiges dem neuen Magen anzutun. Sein Fassungsvermögen übersteigt das einer Espressotasse kaum und man hat Respekt davor, ihm zu viel zuzumuten. Wenn ich daran denke, was ich meinem Magen davor alles zugemutet hatte…

 

Essen ist nur noch möglich, wenn man im Mund bereits alles zu einem Brei zerkaut hat. Das müssten ja eigentlich auch unoperierte tun, aber kaum jemand macht das. Operierte können nicht mehr anders, denn im neuen Magen befindet sich keine Magensäure die beim Verdauen hilft. Man isst also quasi in den Darm hinein. Nur kleinzerkauter Brei kann den Magen Richtung Darm verlassen. Alles andere möchte wieder an die frische Luft, wenn Sie verstehen was ich meine. Erbrechen gehörte bei mir in der ersten Zeit zur Tagesordnung. Obschon ich immer alles zu Brei kaue, langsam und kleine Happen zu mir nehme, will nicht alles die Grenze ins „Verdauungs-Land“ passieren. Da kann es oft passieren, dass ich mich vor der Kloschüssel wiederfinde. Erbrechen nach der Operation ist ebenso eine neue Erfahrung. Sich ohne Magensäure erbrechen zu müssen nenne ich seither „Körble 2.0“. Es ist nicht mehr unangenehm. Die Magensäure, die immer einen üblen Nachgeschmack im Mund hinterliess gibt es nicht mehr. Das brennen in der Nase oder im Hals durch austretende Säure – weg! Beim Übergeben komme ich mir darum oft wie Mama Vogel vor, beim Füttern ihrer Kleinen.

Fazit: Ziel erfüllt

Im Juli 2017 mit 103 Kilo
Im Juli 2017 mit 103 Kilo

Genussesser, also Menschen denen Essen als Solches enorm wichtig ist, empfehle ich diese OP nicht! Essen ist danach reiner Zweck und hat mit Genuss, Geselligkeit und Erlebnis nichts mehr zu tun. Allen anderen – so wie mir – kann ich nur raten, sich mit diesem Thema intensiv zu beschäftigen und eine Risiko-Nutzen-Analyse für sich selber zu machen. Was mich betrifft hatte ich das Glück, dass die Operation ohne Komplikationen und sehr erfreulich verlief. Auch der Genesungsprozess danach war ohne Zwischenfälle. Im Moment (Stand 1. August 2017) wiege ich 101 Kilo und habe grosse Lust mich zu bewegen. Velofahren und Krafttraining machen wieder Spass und motivieren. Der Blick in den Spiegel heizt den Wettbewerb zusätzlich an, noch mehr Gewicht zu verlieren, schlank zu sein! Das ist gefährlich und man muss sich dessen bewusst sein. Dicke Menschen sind Suchtmenschen. Sucht kann Essen sein und fällt das weg wird etwas anderes diesen Platz einnehmen. Ich kämpfe im Moment damit, eben nicht ein Sport-Junkie zu werden und das Abnehmen als Wettkampf zu betrachten, obschon der kleine Schwarzenegger in mir langsam sichtbar wird…

 

In solchen Momenten versuche ich mir dann wieder bewusst zu machen, warum ich die OP eigentlich gewagt habe. Ich hatte einen starken, ausser Kontrolle geratenen Diabetes. Dieser ist nun seit dem zweiten Tag nach der Operation verschwunden. Eine noch unerforschte und noch unerklärbare Nebenwirkung dieser Operation. Den Gewichtsverlust sehe ich auch so. Er ist lediglich für mich eine Nebenwirkung, obschon diese – da sichtbar – viele Reaktionen provoziert. Das Wichtigste aber ist, dass ich nun ohne Medikamente und deren Nebenwirkungen leben kann. Ich fühle mich vom Diabetes „geheilt“. Das war das Ziel. Ich denke: Ziel erfüllt!

Kontakt und mehr Informationen

Ich wurde vom Team im Universitätsspital Basel betreut. Ich war mit der Betreuung in den Vorbereitungen zur OP, während des Spitalaufenthalts und nun mit der Nachbetreuung sehr zufrieden. Selbstverständlich habe ich keine Vergleichsmöglichkeiten und ich bin mir sicher, dass jede vergleichbare Abteilung in jedem Spital in Europa (und darüber hinaus) beste Arbeit leistet!

 

Wenn sich jemand interessiert empfehle ich, sich hier zu melden!