Das Ensemble in Action
Das Ensemble in Action

Fremd in den ei­ge­nen vier Wän­den

Im Sca­la zeigt der Thea­ter­ma­cher Re­na­to Sal­vi in Drei­er­be­set­zung Lar­ry Co­hens «Mord auf Rech­nung» 

Von Tan­ja Opia­sa-Ban­ger­ter

Ba­sel. Ih­ren Kör­per durch­zuckt nur noch ein schwa­cher Le­bens­wil­le. Mit Eli­sa­beths letz­tem Atem­zug ver­stummt auch die Ou­ver­tü­re, die be­reits kurz vor Vor­stel­lungs­be­ginn für Gän­se­haut sorgt. Die Lieb­ha­be­rin von klas­si­scher Mu­sik liegt er­mor­det in ih­rer Woh­nung. To­ten­stil­le im Bas­ler Sca­la. Das selbst­zu­frie­de­ne Grin­sen der Tä­te­rin ist na­he­zu un­er­träg­lich. Ge­nau­so wie der Schmerz, der dem ver­wit­we­ten Ehe­mann ins Ge­sicht ge­schrie­ben zu sein scheint. Doch der Schein trügt – wie noch so vie­le Ma­le an die­sem Frei­tag­abend. Der Bas­ler Thea­ter­ma­cher Re­na­to Sal­vi wagt sich un­ter den Fit­ti­chen der Pa­my Me­dia­pro­duc­ti­ons in Drei­er­be­set­zung an Lar­ry Co­hens «Mord auf Rech­nung» – und bringt da­mit ein sel­te­nes For­mat auf die Büh­ne. 

«Ich konn­te nicht auf­hö­ren, ih­re leb­lo­se Wan­ge zu strei­cheln», sagt Wer­ner Bau­mann schuld­be­wusst zu In­spek­tor An­dre­as. Die­ser ver­däch­tigt den Wit­wer zu­nächst ei­nes Se­ri­en­mor­des und schenkt ihm nur Au­gen­bli­cke spä­ter einen Strauss gel­ber Ro­sen, des­sen sich Wer­ner spä­ter un­sanft im Müll ent­le­digt. Der al­lein­ste­hen­de Po­li­zist si­chert sich vom lie­bens­wer­ten Schau­spie­ler, mit leicht selbst­ver­lieb­ten Zü­gen, in­ti­me Be­weis­mit­tel und lädt spä­ter zum Be­such der Bas­ler Sin­fo­ni­et­ta. Auf die sub­ti­le Ko­mik des von Urs Boss­hardt und Re­na­to Sal­vi mit viel Fein­ge­fühl ge­meis­ter­ten Kam­mer­spiels rea­giert das Pu­bli­kum an der aus­ver­kauf­ten Pre­mie­re mit­un­ter mit ei­nem eher an­ge­spann­ten Lä­cheln. Denn das Spiel zwi­schen dem töd­li­chen Ernst ei­nes un­ge­wöhn­li­chen Kri­mi­nal­falls und der auf­kei­men­den Freund­schaft zwi­schen zwei Ein­sa­men schürft in dem tem­po­reich in­sze­nier­ten Büh­nen-Thril­ler auf dem Bo­den mensch­li­cher Ab­grün­de. 

Mord aus Geld­gier

Die­se gip­feln in der Rol­le der at­trak­ti­ven Pau­la, in ih­rer Hin­ter­häl­tig­keit sou­ve­rän ver­kör­pert von Sy­bil­le Hen­ning, als ei­ne psy­cho­ti­sche Fi­gur, die aus rei­ner Geld­gier mor­det. Von ih­rer Woh­nung aus hat sie das Paar be­ob­ach­tet – und er­presst nun 250 000 Fran­ken von ih­rem Nach­barn, auf den an­dern­falls al­les als Tä­ter hin­weist. Mit dem Flim­mern ih­res Lich­tes er­in­nert Pau­la am Fens­ter des Nach­bars­hau­ses an ih­ren ge­schmack­lo­sen Ver­trag. Das na­tu­ra­lis­ti­sche Büh­nen­bild – die vier Wän­de der Bau­manns sind wäh­rend zwei Stun­den Heim und be­en­gen­de Frem­de zu­gleich – lebt von ei­ner un­auf­fäl­li­gen Be­lich­tung und raf­fi­nier­ten De­tails. 

Nach der Pau­se klingt me­di­ter­ra­ne Leich­tig­keit aus dem Off – ei­nes der ei­gens für das Stück ge­schrie­be­nen Wer­ke Marc Burk­hal­ters. Grill­kö­nig Wer­ni und Hob­by­koch An­dre­as schwin­gen die Kochtöp­fe und set­zen sich zu ei­nem Glas Wein an einen Tisch – er­neu­te Stil­le. Die Ein­sam­keit der bei­den wiegt schwer. Kurz be­vor die ho­moe­ro­ti­schen Avan­cen von An­dre­as ins Skur­ri­le kip­pen, zün­det er ei­ne Duft­ker­ze an. Die Hand­lung nimmt Fahrt auf und ver­dich­tet sich in den letz­ten Mi­nu­ten durch ei­ne un­er­war­te­te Wen­dung und ein wei­te­res Ver­bre­chen. So viel sei ver­ra­ten: Von der Vor­lie­be Eli­sa­beths für gel­be Ro­sen wuss­te der In­spek­tor nicht grund­los. 

Wei­te­re Vor­stel­lun­gen bis 28.10.2017. Frei­tags und sams­tags, je­weils um 20 Uhr.www.sca­la­ba­sel.ch

© Basler Zeitung, online@baz.ch

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Renato Salvi ist seit über 30 Jahren freier Schauspieler, Autor, Regisseur und Produzent. Seine Tätigkeiten umfassen die Organisation von Theaterevents, das Schreiben von Stücken und Texte für die Bühne. Er steht als Regisseur und Planer zur Verfügung und ist immer öfter auch als Schauspieler anzutreffen. Als Grossprojekt kann man das Kòpfladäärnli nennen, welches vom 21. Februar bis 3. März 2019 in der offenen Kirche Elisabethen zum ersten Mal über die Bühne ging. Mehr zum Kòpfladäärnli kann man hier erfahren.