3. September 2012

Bürgerkrieg im Hinterhof

 

Ich wohne mit meiner Frau im vierten Stock. Im Erdgeschoss befindet sich seit einiger Zeit ein internationaler Kinderhort. Da treffen sich täglich die fleischgewordenen Beziehungsretter vieler ausländischer Arbeitnehmer. Heute sagt man dazu "Expat". Ich dachte zuerst, "Expat" müsste ich meinem  iPad sagen, wenn es meine Frau ständig benutzt und ich keine Chance mehr habe, es in die Finger zu bekommen. Aber das ist ein anderes Thema. Zurück zu den "Expat"-Kindern. Viele dieser "extrovertierten" Pat-Kinder, tummeln sich bei schönem Wetter im Hinterhof. Was für ein Schauspiel. Oft stehe ich am Fenster und beobachte die kleinen Neuzuzüger beim Spielen auf der Rasenfläche. Da wird gelacht, geweint, gestritten, lamentiert und gekreischt, so dass oft der vierte Stock nicht ausreichend hoch ist, um nicht von der Arbeit abgelenkt zu werden. Inmitten der kleinen Windelträger steht oft eine junge Hortmitarbeiterin, die verzweifelt damit beschäftigt ist, die Bälger auseinander zu halten. So stelle ich mir eine verunglückte Pferdedressur im Zirkus vor. Es scheint als ob der Aufseherin die kleinen Pferde durchgegangen wären. Oftmals ist aber das, was ich da sehe eine regelreichte Lernstunde der Weltpolitik. Ja! Die Rasenfläche ist die Welt und die kleinen "Expat"- Erzeugnisse die Weltbevölkerung. Und die Aufseherin mittendrin symbolisiert für mich die Schweiz. Tatsächlich macht sie auch einen überforderten und unglücklichen Eindruck. Auf der einen Seite der Rasenfläche, neben einem Busch streitet ein Kind aus den USA mit einem Jungen, vermutlich aus Syrien. Klein-Obama fuchtelt mit dem Zeigfinger und mahnt das syrische Kind, die Wasserpistole nicht auf ihn zu richten. Auf der anderen Seite beobachte ich die Schweizer Aufseherin, die einem deutschen Mädchen, verdeckt eine Märchen-CD hinstreckt. Und ein kleiner, dominanter Japaner schafft es, eine aufblasbare Insel mit Palme, die offensichtlich dem schreienden Chinesen daneben gehört zu entern und für sich zu beanspruchen. Derweil stehen sich ein kleiner Italiener und ein griechisches Mädchen gegenüber. Beide suchen in ihren Taschen nach was zum Naschen. Sie haben das Futter ihrer Hosentaschen nach aussen gestülpt und zucken traurig mit den Achseln. "Genau wie im richtigen Leben", denke ich mir und verlasse meinen Aussichtspunkt. Und dann ist es plötzlich still. Mucksmäuschenstill! Besorgt eile ich wieder zum Fenster. Die Welt sollte doch erst ende Jahr untergehen. Und was sehe ich da? Auf der Wiese im Schatten waren viele kleine Tücher ausgelegt. Darauf schliefen die kleinen "Expat"'s. Friedlich vereint und in schönen Träumen schwelgend. Wäre das vielleicht die Lösung für den Weltfrieden? Die Weltherrscher und Kriegsstifter sollten vielleicht auch mal schlafen gehen!

 

 

10. September 2012

Selbstgespräche!

 

Ist das vielleicht nur ein Zufall? Kann ja sein, dass ich mir das nur einbilde. Oder ich habe Pech und es trifft immer mich. In letzter Zeit begegne ich oft Menschen, die in ein Selbstgespräch vertieft sind. So richtig und mit sich selber. Ich meine also nicht die, welche ihre Ohrstöpsel in der Ohrmuschel beerdigt haben und beim Einkaufen noch schnell mit ihrem Hautarzt lautstark Intimes diskutieren. Ich meine wirklich die Leute, die mit sich selber reden. Und das auf offener Strasse. Bin ich wirklich der Einzige, der diese Menschen trifft? Und immer öfter! Und es sind auch nicht immer alte Menschen, oder vielleicht solche, bei denen – wie soll ich das nun höflich umschreiben – nicht alle Hirnströme in der selbe Richtung verlaufen. Aber Moment: Ich meine an dieser Stelle nicht die FCB-Fans, die aus unerfindlichen Gründen vor einem Fussballmatch fremde Toilettenanlagen demolieren. Nein. Die haben noch den grösseren "Defekt" unter ihrer Frisur. Ich meine die Zeitgenossen, denen ich auf der Strasse begegne und die mit sich selber ein angeregtes Gespräch führen. Dabei gestikulieren sie mit den Händen und bauen kleine Kopfnicker und Schmunzler ein. Genau so, als ob sie einem echten Gesprächspartner gegenüber stünden. Zuerst fand ich das so ziemlich verstörend. Was müssen das bloss für Menschen sein, dachte ich mir, die mit sich selber Sprechen müssen. Haben die niemanden, mit dem sie kommunizieren können? Ich entschloss mich, zu Hause einen Selbstversuch zu machen. Ich wollte herausfinden, wie das so ist, wenn man mit sich selber spricht.  Damit ich mir nicht gleich all zu blöd vorkam, entschloss ich mich, zuerst mal mit meinen beiden Katzen zu sprechen. Dies schien mir ein guter Einstieg zu sein. Nach einiger Zeit fand ich noch Gefallen daran, meine Meinungen äussern zu dürfen, ohne dauernd auf Gegenargumente reagieren zu müssen oder gar abgeschmettert zu werden. Also liess ich die Katzen links liegen und versuchte mit mir ein Selbstgespräch anzufangen. Die üblichen Floskeln wie "Ja hallo wie geht’s" und so Zeugs liess ich aus, denn ich wusste ja wie es mir ging und worüber ich mit mir selber sprechen wollte. Es war ein Desaster! Nicht dass  ich mein ICH als langweiligen Gesprächspartner empfand, aber irgendwie brachte diese Selbsterfahrung nichts Neues an den Tag. Mein ICH gegenüber, liess mich nie richtig ausreden, war nie meiner Meinung und hatte am Schluss immer Recht.  Da kann ich ja gleich mit meiner Frau reden, da läuft das auch immer so!

 

 

17. September 2012

Grill-Gigant

 

"Me cha grille". Diese Aufforderung eines Grossverteilers zum Garen von Grillgut auf wohltemperierter Holzkohle, hatte vor einiger Zeit für Unmut gesorgt. Und dabei ging es ja nicht um den eigentlichen Vorgang, Fleisch genussfertig über offenem Feuer zuzubereiten. Es ging um den Aufruf selber. "Me cha grille" sei eine Mischung aus Mundart und Hochdeutsch. Eine "Grille" sei ein Tier, welches im Gras haust und nichts auf einem Grillrost verloren habe. "Me cha grilliere!" wäre korrekt gewesen. Aber egal. Ob man nun grillt oder grilliert, es macht einfach Spass und ist unerreicht lecker. So freute ich mich dann auch, als wir zum Grill-Abend bei einem Arbeitskollegen meiner Frau eingeladen waren. Ich staunte nicht schlecht, als ich da die Terrasse betrat. Da stand kein wackliger Grill, bei dem man Angst haben musste, das nächste laue Lüftchen würde ihn ins Oberbaselbiet wehen. Da stand ein Koloss! Vermutlich nur mit Baubewilligung erlaubt. Das war kein Grill, sondern eine Hochleistungs-Brutzelanlage. Die Abendsonne spiegelte sich in der blitzblank polierten Grillhaube, so dass an ein ablegen der Sonnenbrille nicht zu denken war. Der Gastgeber war sichtlich stolz darauf, dass seine Gäste vor Grill-Bewunderung nur ehrfurchtsschwangere "Oh"'s und "Ah"'s von sich gaben. Was folgte war ein gefühltes mehrstündiges Referat über die perfekte Zubereitung von Fleisch auf dem Grill. Der Grill-Gigant-Besitzer kam mir vor, wie ein Ferrari-Fahrer, der einer staunenden Schulklasse seine neue Anschaffung demonstrierte. Die Sonne war schon längst untergegangen, da sagte der Verbrennungskünstler endlich die magischen Worte: "Ich denke ich fange dann mal an!". Das war allen am Tisch sehr recht, denn rundum waren die knurrenden Mägen nicht mehr zu überhören. Die Frau des Gastgebers stolzierte mit einer Fleischplatte auf die Terrasse, deren Anblick jeden strengen Vegetarier in den Suizid hätte treiben können. Endlich ging es los. Doch was war das? Der Gastgeber hantierte an seinem Monster-Grill herum, wurde hektisch und drehte sich dann blass zu uns Hungrigen um. Wie ein kleiner Junge, der die Scheibe des Nachbarn zerdeppert hatte sagte er: "Ich habe die Gasflasche vergessen!" Wieder folgten einige "Oh"'s und "Ah"'s, diesmal aber in anderer Melodiefolge. Der Abend ging dann kurz nach Mitternacht zu Ende und ich muss sagen, die Pizza des Lieferdienstes war hervorragend!

 

 

24. September 2012

Rein in den Rhein!

 

Keine Panik! Ich fordere Sie nun nicht auf, sich die Kleider vom Leib zu reissen und sich in den "Bach" zu stürzen. Erstens würde ich Ihnen dies wegen den aktuell eher verhaltenen Temperaturen nicht zumuten wollen und zweitens wissen Sie ja nicht genau, was da im Rhein so alles rumschwimmt. Ich weiss es! Also natürlich nicht im Detail, aber dass da irgendwo auf dem Grund ein altes Herrenvelo liegt, das kann ich bezeugen. Ich war zufällig Augenzeuge als ein, offenbar verwahrloster älterer Herr , seinem noch verwahrlosteren älteren Velo eine Rheinbestattung gönnte. Zuerst dachte ich, der wolle sein Fahrrad mal wieder putzen, als er es ans Rheinbord schob. Das Gefährt hätte es auch dringend nötig gehabt. Originell dachte ich. Man hält das Velo in den Rhein und es ist wieder sauber. Da muss man auch erst mal drauf kommen. Ich malte mir aus, wie der ältere Herr vielleicht damit eine Marktlücke entdeckte. Ich stellte mir vor, wie er in kürzester Zeit zu Erfolg und Geld kommen würde. Vor meinem geistigen Auge sah ich ein grosses Plakat auf dem stand: "Wir machen ihr Velo wieder r(h)ein!" Dahinter eine endlose Schlange von Menschen, die ihr Fahrrad vom alten Mann geputzt haben wollten. Er stand da, nun nicht mehr verwahrlost, in einem Massanzug, nahm jeweils ein Fahrrad entgegen und schwenkte es im Fluss. Dann gab er es dem glücklichen Besitzer zurück, der dem Alten noch glücklicher zwanzig Franken in die Hand drückte. Der R(h)einwäscher lächelte und seine goldenen Zähne funkelten im Sonnenlicht mit dem eben gereinigten Velo um die Wette. Plötzlich schreckte ich aus meinem Tagtraum auf. "He sie da! Geht’s noch?" Ein Mann mit einem kleinen Hund an der Leine stand neben mir und brüllte den Verwahrlosten an. Ich bemerkte, dass dieser nun kein Velo mehr hatte. "Der hat es in den Rhein geworfen, einfach so – das geht doch nicht!!" polterte der Passant und fuchtelte derart mit den Händen, dass der kleine Hund zwischendurch an der Leine baumelte. Dem Verwahrlosten war die Empörung egal und stolperte von Dannen. Ein jüngerer Typ, der das ganze Schauspiel auch beobachtet hatte meinte schliesslich ganz cool: "Der hat es offenbar wörtlich genommen, das Rhy – cycling!"