7. Mai 2012

Aber bitte diskret

 

In der heutigen transparenten Welt, in der die Leute im FACEBOOK oder auf TWITTER so ziemlich alles von sich preisgeben – so dass man sogar als Ehemann Neues von seiner Frau aus dem Internet erfährt – ist Diskretion ein kostbares Gut. Gut, es ist nicht immer leicht diskret zu sein, aber man kann ja auch mal sein bestes geben, oder? So schalte ich mein Handy prinzipiell in der Öffentlichkeit auf Vibrieren ein. Sollte mich ein Anruf erreichen, will ich die anderen im Tram nicht stören. Aber was nutzt meine Diskretion, wenn es aus allen Ecken im Tramwagen klingelt und piepst, als sei man in einem Spielcasino und hätte eben den Jackpot gewonnen? Und wenn ich meine Frau in einen Damen-Kleiderladen begleite, versuche ich möglichst als Mann diskret zu bleiben. Also nicht mehr als nötig zu den Umkleidekabinen schielen. Einfacher gesagt als getan. Vor allem wenn die Umkleideboxen lediglich mit einer Wild-West Schwingtür versehen sind und es Kundinen gibt, die sich ihr neues Nachthemd vor dem Spiegel im Laden betrachten wollen. Geht es um Geld, oder sehr persönliche Dinge, ist Diskretion selbstverständlich. Und wenn beide Eigenschaften aufeinander treffen, dann sowieso. Ich stehe ja auch mit diskretem Abstand hinter einem Kunden am Bankautomat, oder wenn an der COOP-Kasse jemand mit der Karte bezahlt, schaue ich sogar mit Nachdruck und absichtlich nach Hinten über meine Schulter um dem Zahler zu zeigen: Nein, ich kann nicht sehen, was du da eintippst. Ich bin also diskret. Sehr diskret! Und ich kann es nur sein, wenn die Voraussetzungen dazu gegeben sind. In meiner Diskretion werde ich aber peinlich gestört, sobald ich eine Bank betrete. Ja! Eine Bank! Die, die immer so auf diskret und seriös machen. Die Designer von modernen Bankschaltern haben nämlich etwas vergessen: Die Diskretion! Man hört alles mit, ob man will oder nicht. OK, sie haben dann noch der Form halber am Boden ein gelbes Klebeband mit der Aufschrift "Diskretionslinie" hin geklatscht. Aber nur, dass man ihnen etwas nicht vorwerfen kann: Indiskretion. Und trotzdem kriegt man immer alles mit! "Nein Herr Klein, vom RAV ist noch kein Geld gekommen!" oder "Frau Jährmann, so fragen sie doch mal ihren Vormund, der verwaltet ja ihr Konto!". Und dann rumkrakelen, dass man das Bankgeheimnis wahren muss! Also das Bankgeheimnis von der Bank, die ich immer besuche, ist bestimmt längst nach Amerika oder Deutschland ausgewandert.

 

 

 

 

14. Mai 2012

Angemessen?

 

Letzte Woche erhielt ich eine Einladung zu einer Hochzeit. Grossartig dachte ich. Wieder mal kostenlos warm essen und einen tollen Abend verbringen. Interessante Gespräche führen und einfach nur den Abend geniessen. In der Einladung stand dann auch, wann man sich wo trifft und dass das Hochzeitspaar davon ausgehe, dass man ANGEMESSEN zur Feier erscheine. Angemessen? Aha. Und was heisst das? Was ist eigentlich: Angemessen. Nach welchen Kriterien und Erwartungen wird da gemessen? Ich freue mich ja auf einen gemütlichen Abend dort. Also wäre die Trainingshose und ein T-Shirt durchaus angemessen, oder? Ich könnte natürlich auch den Smoking entstauben oder meine beste Business-Kleidung anziehen. Wäre das dann eher angemessen? Im Smoking laufe ich Gefahr, dass mich jeder für den Bräutigam hält. Und wenn ich den grauen Anzug wähle, dann sehe ich aus, wie der Filialleiter der Bank um die Ecke. Wenn nämlich ein Bankangestellter zu einer Hochzeit in seiner "Schale" kommt, dann hat er ja nichts anderes getan, als seine Arbeitskleidung angezogen. Ist das also angemessen, in der Arbeitskleidung zu erscheinen? Wenn der Bauarbeiter in seiner Arbeitskleidung erschiene, würde vermutlich niemand von angemessen sprechen. Sicherlich wollte das Brautpaar damit ausdrücken, dass man nicht wie der letzte Landstreicher aufkreuzen soll. Aber warum schreibt man das nicht gleich so: "Zieh bitte was an, was zu einer Hochzeit passt!" Da weiss doch gleich jeder Bescheid. Ich werde es also an dieser Hochzeit so machen, wie ich es bisher immer gemacht habe. Ich ziehe eine schwarze Hose an, ein weisses Hemd mit schwarzer Krawatte und den passenden schwarzen Kittel. Das ist die Kleidung, die ich jeweils auch an Beerdigungen trage. Ich finde dies angemessen, denn eine Hochzeit unterscheidet sich von einer Beerdigung oft nur darin, dass sie weniger lustig ist – die Hochzeit.

 

 

 

 

21. Mai 2012

Liften

 

Ja es gibt sie noch! Die guten alten Fahrstühle mit Teppichboden, reichlich Spiegeln und Musik – leider! Da hatte ich am Morgen Mühe, in die neue Jeans zu kommen, die vor einer Woche noch passte. Erfolgreich redete ich mir über Stunden ein, dass diese Jeans beim Waschen eingegangen sein muss. Ist ja klar, mit meinen Essgewohnheiten kann die neue Spannkraft der Hose nicht zusammen hängen. Und dann das! In einem modernen Geschäftshaus steige ich in einen noch moderneren Lift. Wo ich hinblickte Spiegel. Überall sah ich meine Speckröllchen, wie sie über den Rand der Jeans quollen.  Meine ganze Selbsttäuschung war im Nu verschwunden, so wie die Erinnerung eines Politikers nach der Wahl, an getätigte Wahlversprechen vor der Selbigen. Toll! Musste das wirklich sein? In einem verspiegelten Spiegellift nutzt auch Wegschauen nichts. Und dann diese Musik. Wenn wenigstens ein Radioprogramm laufen würde. Aber nein, man quält mich mit irgendwelchen Hits. Aber nicht mit den Originalen. Es sind billig produzierte Instrumental-Versionen mit viel Hall und Geigen. Der ganze Himmel voller Geigen. Dabei will ich doch nur in den zehnten Stock und nicht weiter. Dabei könnte man sich im Lift unterhalten. Stellen Sie sich vor, irgend ein Bundesrat, oder eine Bundesratte... pardon... Bundesrätin steigt zu mir in den Lift. Was könnte ich da alles fragen und erfahren? So ein Gespräch könnte die ganze Zukunft verändern. Plötzlich entstünde aus solch einer Lift-Begegnung etwas Tiefes, inniges, etwas Nachhaltiges. Aber nein, die Geigen geigten drauflos, als ob es die letzten Saiten wären auf diesem Planeten. Und dann stieg jemand in den Lift, gerade mal im zweiten Stock angelangt. Es war keine Bundesrätin, aber auch eine etwas ältere Dame mit verlebtem Gesicht. Die Musik war nun auch plötzlich aus. Super! Als ob das Schicksaal sagen wollte: "So! Nun rede mit ihr!" Aber was? Was soll ich mit einer fremden Frau im Lift in den verbleibenden acht Stockwerken denn reden? Ich bemerkte den inneren Kampf in mir. Für einmal war es kein Magenknurren. Ich fühlte mich gedrängt, mit dieser Dame ein Gespräch zu beginnen. Ja will die denn überhaupt mit mir reden? Durch den Spiegel betrachtete ich sie. Und durch die Blume sprach ich sie dann an: "Sie liften sich auch lieber?" Was war das? Ich wollte eigentlich fragen, ob sie auch lieber den Lift an Stelle der Treppe nimmt. Super! Ich drückte schnell einen Knopf und der Lift spuckte mich im fünften Stock aus. Die Frau blieb. Die letzten fünf Stockwerke ging ich zu Fuss. Seit dem finde ich Musik im Lift einfach SUPER. Vielleicht gründe ich eine Facebook Fan-Seite.....

 

 

 

28. Mai 2012

Heikel oder was?

 

Ich darf von mir behaupten, dass ich nicht heikel bin. Und schon gar nicht, wenn es ums Essen geht. Das hat nun rein gar nichts mit den Kochkünsten meiner Frau zu tun. Nein! Früher hiess es immer bei Tisch: "Iss deinen Teller leer, sonst gibt’s kein schönes Wetter!" Und wenn der Teller dann endlich leer war hiess es: "Iss die Schüssel leer, sonst gibt es kein schönes Wetter!" Mal ehrlich! Welches Kind will für das miese Wetter draussen verantwortlich sein? So entwickelte ich mich, aus meteorologischen Gründen zum Allesesser. Und wenn ich dann als Komplettvertilger auf einen Heiklen treffe: Phu! Das wäre so, als ob man einem FCB-Muttenzerkurve-Fansein Pyro wegnehmen wollte. Kürzlich sass ich also in einem Restaurant einem solchen Heiklen gegenüber. Ich kannte ihn, was das Ganze nur schlimmer machte. Die Vorspeise wurde serviert. Ich bekam die Suppe und er den bestellten gemischten Salat. Zuerst betrachtete er den Salat lange. Dass man aus Kaffeesatz was Lesen kann, habe ich schon mal gehört, aber dass dies auch mit Salat funktionieren soll, das war neu. Dann nahm er die Gabel und legte Salatblätter zur Seite. Er filetierte den gemischten Salat, so wie wir früher im Biologieunterricht Frösche zerlegen mussten und machte dabei auch noch das passend angewiderte Gesicht. Nach einer Weile fragte er: "Können wir tauschen? Nimmst du den Salat und gibst du mir die Suppe?" Da ich bereits die Hälfte gelöffelt hatte, willigte ich dem Tauschhandel ein. Dann servierte die nette Restaurant-Mitarbeiterin, an der er auch einiges auszusetzten hatte, den Hauptgang. Da wir beide das Selbe bestellt hatten, würde er kaum tauschen wollen, so dass ich gemütlich mit Essen begann. Er schnitt das Fleisch an und sein Gesicht verzog sich, wie vorhin beim Frosch. "Hast du's gerne blutig? Können wir tauschen?" Gottseidank hatte ich bereits ein grosses Stück von meinem Fleisch abgeschnitten und schnell schob ich es in den Mund, das gönnte ich ihm nicht. Wir tauschten die Fleischstücke. Er bestellte kein Dessert und ich ein Stück Schwarzwälder-Kirsch-Torte. Allerdings war so viel Kirsch an ihr, dass man sie auch als Kirsch-Wälder-Schwarztorte hätte anpreisen können. Für mich zu viel Alkohol. Ich fragte mein Gegenüber: "Willst du die Torte? Die hat zu viel Kirsch drin!" Und da sagte er, mit fast angewidertem Ausdruck um die Augen: "Jetzt tu doch mal nicht so heikel!"