5. März 2012

Alles so hoch

 

Alles wird besser! Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Nun wurde sogar auch noch das Fernsehen besser. Seit letztem Mittwoch empfangen wir in unserer Region diverse Sendungen in HD.  Was heisst das eigentlich? Ich hab mal nachgeschlagen, oder wie es heute heisst: Gegoogelt. HD steht für Hight Definition. Also "hoch definiert", was sich allerdings nur auf die bildliche Auflösung und nicht auf den gesendeten Inhalt bezieht. Hoch definierte Bilder also. So sehen wir alles etwas schärfer und genauer. Das Bild ist perfekt, nun sollten die TV-Macher noch an den Inhalten schleifen und irgendwann haben wir dann HG-TV: Hoch Geniales Fernsehen. Aber das HD-TV bringt auch Nachteile. Bisher konnte ich mit verschmutzten Brillengläsern fernsehen und es hat mich nicht gestört. Nun muss ich vor jedem Gang vor den TV-Apparat die Brille putzen. Ist etwas ärgerlich, aber man muss auch Opfer bringen für schärferes Fernsehen. Nach einem ausgedehnten HD Abend kann es aber schon mal passieren, dass das echte Leben draussen irgendwie verschwommen wirkt. Die Farben im echten Leben sind längst nicht so intensiv wie in der Flimmerkiste. Da ist das Fernsehen für einmal dem Leben einen Schritt voraus. Meine Frau meint, ihr habe die bisherige Bildqualität gereicht, sie brauche kein HD. Das stimmt. Meine Frau schläft eh nach zwei Minuten vor dem Fernseher ein und Fernsehschlafen geht tatsächlich auch ohne hohe Bildauflösung! So, aber ich mache jetzt Schluss. Ich habe heute zufällig in der TV-Zeitschrift gelesen, dass irgend wo auf einem dritten Sendekanal ein alter Schweizer Film gesendet wird. Den will ich auf gar keinen Fall verpassen, wird doch sogar dieser alte Film in HD ausgestrahlt: Wahnsinn! Ich freue mich nun auf ein Wiedersehen mit "HD Läppli"

 

 

 

19. März 2012

Mehr ist weniger!

 

Kaum scheint draussen die Sonne wieder etwas länger und die Dampfschwaden beim Atmen sind verschwunden kommen sie: Die Halbnackten! In Flip-Flops, Hosen die kaum das Knie bedecken und T-Shirt stehen sie an den Tramstationen oder schlurfen in den Lebensmittelladen. OK, der Wetterbericht versprach Temperaturen bis 18 Grad, aber meist sehe ich diese Textil-Alergiker oft schon am Morgen. Da ist es kaum 5 Grad und um meine Glatze weht ein kühles Lüftchen. Und da kommt schon einer. Es ist zwar keiner von der extremen Sorte. Er hat Turnschuhe an – aber ohne Socken. Trotzdem bekomme ich schon nur vom Ansehen Schüttelfrost. Er steht da, wartet aufs Tram und tut so als sei es Sommer. In kurzer Hose und mit einem dünnen T-Shirt glotzt er ins Nichts. Wartet der vielleicht gar nicht aufs Tram, sondern auf's nächste Banana-Boat! Sind wir hier in der Karibik oder was?! Ich beobachte ihn und hoffe ihn bei einem kleinen Bibbern zu ertappen. Nichts! Ganz cool – oder vielleicht eher lauwarm – steht er da und macht, dass ich mir saublöd vorkomme. Ich in Winterjacke und er im Strand-Look. Ist es vielleicht wirklich schon Sommer? Bin ich vielleicht ein Weichei? Oder ein Miesmacher, der es lieber kalt und ungemütlich hat? Also wenn der bei 5 Grad im Schatten so tun kann als sei Sommer, dann kann ich das auch. Ich wische mir theatralisch ein paar Mal den nicht vorhandenen Schweiss von der Stirn. Er schaut mich kurz an, reagiert aber nicht! Kein Problem, ich kann auch mehr Gas geben. Ich ziehe meinen Mantel aus und lege ihn mir über den Arm. Ich öffne mein Strickjäckchen und entledige mich dieser mit einem gut hörbaren "Puhhh, schön warm heute...". Nun stehe ich da! In einem Kurzarmhemd. Mensch ist das saukalt! Die Anzeige der BVB zeigt, dass wegen einer Verkehrsbehinderung das Tram erst in 10 Minuten zu erwarten ist. 10 Minuten so in der Kälte? Aber was dem da nichts ausmacht, schadet mir sicher auch nicht. Noch 9 Minuten! Die Frau neben mir schaut mich komisch an, denn ich zittere bereits leicht am ganzen Körper. Ich tue so, als ob ich ihre verständnislosen Blicke nicht wahrgenommen habe. Die Kälte frisst sich in meine Knochen. Noch 8 Minuten. Ich bin schon fast steif gefroren. Mit Mühe blicke ich zu dem halbnackten Typen. Er scheint direkt unter einer Wärmelampe zu stehen. Dem macht das nichts aus! Nun wird das Zittern bei mir stärker. Noch 5 Minuten bis das warme, rettende Tram kommt. Da erkenne ich hinter einem Betonpfosten einen weiteren Jugendtlichen, in Wintermontour. Er geht zum Strand-Jungen klopft ihm auf die Schulter und sagt: "Hey Mike, hier hast Du den 100-er. Hätte nicht gedacht, dass du die saublöde Wette gewinnst und im Winter im Sommer-Look zur Schule kommst!" Beide beginnen zu Lachen und ich sehe wie der Wettgewinner zu mir rüber zeigt und dem Anderen was ins Ohr flüstert. Darauf hin Lachen beide noch herzhafter und das Tram kommt. Schnell ziehe ich mir die Strickjacke und meine Jacke wieder an und steige ins Tram ein um mich aufzuwärmen. Ich hoffe, bis es Sommer wird habe ich diesen hartnäckigen Schnupfen hinter mir...

 

 

 

26. März 2012

Gut gebildet

 

Tun Sie es auch? Geben Sie's doch zu! Jeder macht das doch: Sich bilden! Ohne Bildung kommt man heute nicht weit. Bildung ist was Elementares. Der Schlüssel zur Schatzkiste. Der Durchsuchungsbefehl für herrlibergische Villen. Weiterbilden, Meinung bilden, Bodybuilden, der Mensch ist voll im Bilde. Ich auch. Gelegentlich gönne ich mir eine kleine Bewusstseinserweiterung ohne dabei was Schlucken oder rauchen zu müssen. Erst kürzlich besuchte ich einen Kurs, in dem man vermittelt bekam, welche Charaktereigenschaften sich aus den Gesichtszügen ablesen lassen. Einzige Bedingung dafür ist, dass ein Mensch überhaupt noch Gesichtszüge hat und diese nicht mit Botox derart gestrafft wurden, dass man meinen könnte es handle sich um ein Stück Pouletbrust, über die ganz straff eine Frischhaltefolie gespannt wurde. Solche Gesichter lassen sich nicht mehr lesen, hiess es in diesem Kurs. Da gäbe es keine Charakterzüge mehr zu erkennen. Vermutlich besitzen solche Menschen auch keinen Charakter, wenn ihnen der Schein den sie vermitteln wollen wichtiger ist als ihr Sein...oder so. Egal. Der Kurs war wirklich sehr gut. Und ich staunte, was man alles so über einen Menschen in Erfahrung bringen kann, wenn man ihm in die Augen schaut. Ich bin nun nach diesem Kurs tatsächlich in der Lage einen Bartträger mit einem Blick in sein Gesicht ganz klar zu erkennen! Nein, Spass bei Seite! Jede Falte, jede Rille, und jede noch so kleine Hautwölbung deutet auf einen Charakterzug, eine mentale Stärke oder ein Talent hin. Ist doch faszinierend, oder? Man tritt jemandem gegenüber und kann innert Sekunden definieren, mit was für einem Menschen man es zu tun hat, abgesehen von dem was er sagt oder wie wohlwollend er einen angrinst. Ich bin seither dem Lesen von Gesichtern verfallen. Das ist spannender als jeder Krimi und kostet nichts. Wenn ich also vor ein paar Wochen noch zu meiner Frau sagte: "Du ich gehe was Lesen, bin dann schon mal im Bett". Sage ich heute zu ihr: "Du ich gehe was Lesen, bin in der Gartenbeiz!"