2. Juli 2012

Wer nicht hören will...

 

Meine Frau hört mir nicht mehr zu! OK, vielleicht hat sie mir nie zugehört und immer nur so getan als ob, aber seit einigen Wochen ist dieser Zustand nun akut. Ich komme nach Hause und sie ist schon da. Ich spreche sie an und sie sagt kein Wort. Ich dachte schon, dass nun der Zeitpunkt für einen Eheberater gekommen sei, bis ich feststellte, dass sie die kleinen Kopfhörer in der Ohrmuschel parkiert hatte. Zuerst war ich sogar enttäuscht darüber, dass unsere Ehe offensichtlich noch funktionierte, wäre ich doch gerne mal zu einem Eheberater gegangen. Bestimmt hätte ich so die eine oder andere Inspiration für eine Kolumne erhalten. Aber eben; sie hatte nur die Ohrenschmalz-Fänger eingestöpselt. Als ich sie ansprechen wollte, fuchtelte sie wild mit den Händen und gestikulierte, dass ich sie bitte nicht stören solle. Mit dem Zeigfinger der rechten Hand tippte sie auf ihre Uhr am Handgelenk und streckte mir ihre fünf Finger der anderen Hand unter die Nase. Ich verstand. Ich solle noch fünf Minuten Geduld haben und sie würde sich mir widmen können. Ja denkste. Sie meinte fünf Stunden! Also wartete ich. Als sie dann endlich mal diese Stöpsel aus dem Gehörgang entfernt hatte, war sie total aufgedreht. "Das ist einfach super! Hörbücher sind spitze, viel besser als selber lesen!" Aha. Soso. Hörbücher hören soll besser sein als Bücher lesen? Was soll besser daran sein, wenn man das Buch vorgelesen bekommt?  Das ist ja wie im Altersheim, wenn es der Sehnerv vorzieht, heute mal nicht was Scharfes zu machen. Da könnte man eventuell vielleicht erwägen, sich ein Buch vorlesen zu lassen. Aber sicher nicht in der Blühte meines Lebens!  So lange ich noch selber auf die Toilette kann und beim Zähneputzen noch den Mund öffnen muss, lese ich Bücher selber! "Ich muss weiterhören, jetzt wird’s spannend!" Flutsch, waren die Stöpsel drin und meine Frau weg. Weit weg! Die Plastikdinger klebten in ihren Ohren und sie klebte einem drittklassigen, deutschen Schauspieler an den Lippen und hörte ihm gebannt zu, wie er Buchseite für Buchseite abspulte. Da sass sie nun. Fast apathisch glotze sie regungslos vor sich hin. Toll! Ich habe mir nun auch einige Hörbücher auf mein Handy geladen und mir angewöhnt, wenn meine Frau Hörbuch hört, dann höre ich auch Bücher. So sitzen wir nun regungslos und fast apathisch nebeneinander und hören Hörbücher. Morgen mache ich einen Termin beim Eheberater...

 

 

9. JUli 2012

Grietzi

 

"Grietzi"! Was für ein Wort! "Grietzi"! Man kann damit so viel anstellen. Man kann es variieren, zum Beispiel man begegnet zwei Personen auf der Strasse, kann man daraus ein "Grietzi mitenander" machen. Oder sollte man die Personen kennen, die man grüsst wird schnell ein "Grietzi zämme" daraus. Ein so kleines Wort, mit dem man so viel ausdrücken kann. Oder sollte ich besser schreiben; könnte? Wer grüsst denn schon fremde Leute auf dem Trottoire? Ich! Vielleicht ist dies eine blöde Angewohnheit, aber ein Überbleibsel meiner Erziehung. Es ist beinahe zwanghaft! Wenn ich jemanden auf der Strasse kreuze, dann muss mir ein "Grietzi" entfahren. Ich kann nichts dagegen tun. Ich habe es schon versucht, wortlos wie alle anderen es tun, an Passanten vorbei zu gehen. Da muss ich mir regelrecht die Lippen zusammen pressen. Das "Grietzi" will raus. Ähnlich wie beim Brechreiz eines Betrunkenen, der nach zu viel Bier den Gerstensaft unbedingt im Magen halten will. Habe ich es dann geschafft, stumm an einem Menschen vorbei zu schlendern, kommt das schlechte Gewissen. Fast will ich dann zurück eilen, die Person einholen und ihr das "Grietzi" von Hinten um die Ohren schmettern. Ich frage mich, warum man sich früher auf der Strasse grüsste und dies heute zur Seltenheit geworden ist? An was liegt das bloss? Hatte man früher weniger zu Tun und schlicht überflüssige Zeit, so dass man für ein "Grietzi" noch einen freien Termin hatte? Oder verspürte man mehr Lust, an Kontakten zu Menschen? Ist der heutige "Facebook-Anstupser" vielleicht der Ersatz für das gestrige "Grietzi"? Ich habe mich damit abgefunden, dass ich auf mein "Grietzi" selten bis nie ein Echo erhalte. Trotzdem ziehe ich es durch, auf die Gefahr hin, als alter Sack von Gestern identifiziert zu werden. Aber wer weiss, vielleicht ist es plötzlich wieder IN, sich zu grüssen. Ich erinnere nur an die Rollbretter, die auch irgendwann völlig altmodisch waren, um dann Jahre später wieder total trendig zu sein. So grüsse ich mich durch die Stadt in der Hoffnung, der Zeit vielleicht schon etwas voraus zu sein.

 

 

16. Juli 2012

Moderne Technik

 

Viele Menschen – ich zähle mich da auch dazu – nutzen die moderne Technik, als sei es das selbstverständlichste der Welt. Ich lasse mich am Morgen von einem hightech Wecker mit integrierten LED Leuchten aus dem Schlaf holen, der meine Stimmung misst und den Raum in ein dazu passendes Farbenmeer taucht. Das nenne ich entspanntes Aufstehen! Danach verabschiede ich mich vom gestrigen, in der Nacht verdauten Abendessen, auf die Toilette.  Um mich danach zu säubern musste kein Baum sterben, denn sie macht mich mit warmem Wasserstrahl und sanftem Föhn wieder frisch für den Tag. Herrlich! Dann hüpfe ich unter die Regenwalddusche mit dazugehörigen Klängen, wie man sie im Regenwald erwartet, also Motorsägenrasseln und so weiter. Total erfrischend! Dann einen Blick in den Spiegel der mir das Wetter verrät und mir, dank Fuss-und Handsensoren, auf denen ich stehe und mich abstütze, meinen Puls misst und mir genau sagt, aus wie viel Wasser und Fett ich zusammengesetzt bin. Ebenso erhalte ich die Information, dass es mir heute gut geht und ich fit für den Tag bin. Tolles Gefühl! Beim Betreten der Küche geht automatisch das Licht an und die Kaffeemaschine beginnt zu laufen. Die Zeitung lese ich auf einem Tablet-PC und die Nachrichten werden nach meinen Interessen gefiltert, so wie der Kaffee im Hintergrund auch. So, es ist Zeit, ich sollte gehen, das sagt mir eine angenehme Stimme die genau weiss, wann ich das Haus verlassen muss und die mir freundlich einen tollen Tag wünscht. So begebe ich mich gut gelaunt, erfrischt und gesund ins Auto. Kaum fahre ich ein paar Meter stecke ich schon im ersten Stau. Und dann noch einer und nochmal einer! Wutentbrannt rüttle ich am Steuerrad und fluche mir die Stimme heiser! Mit rotem, vom Bluthochdruck gefärbtem Gesicht und stresserfülltem Gang komme ich eine halbe Stunde zu spät zu meinem Termin. Der Geschäftsmann schüttelt den Kopf und meint: "Sie sollten sich wie ich auch die moderne Technik zu Nutzen machen. Ich lasse mich am Morgen von einem hightech Wecker mit integrierten LED Leuchten aus dem Schlaf holen, der meine Stimmung misst und den Raum..." Ich schalte meine Ohren aus und denke nur: Scheisstechnik!

 

 

23. Juli 2012

Abfall trennen

 

Wir alle wissen es. Sie auch, oder? Um unseren Abfall irgendwie nochmals wieder zu verwerten, müssen wir ihn sinnvoll trennen. Das leuchtet sogar mir ein. Dass dieses Abfalltrennen aber auch zu Spannungen in einer Beziehung führen kann, wurde mir im Beispiel eines befreundeten Pärchens bewusst. Ich war zum Abendessen bei ihnen eingeladen. Seit Jahren sind sie ein Paar. Ein harmonisches Paar. So hatte ich sie zumindest in Erinnerung, bis zu diesem Abendessen. Ich spürte schon bei der Begrüssung an der Türe, das heute was nicht stimmte. Roland, so heisst er, machte mir die Türe auf. Er begrüsste mich nur kurz und ging mit einer Taschenlampe bewaffnet nach draussen. Während er seine Augen verdrehte sagte er: "Ich muss zum Abfallcontainer, Barbara will was wieder haben!". Barbara erklärte mir dann, dass Roland den Deckel einer Konservendose in den "normalen" Abfallsack geschmissen hatte, wo er doch genau weiss, dass sie Alu separat entsorgen. Als Roland wieder kam, hatten Barbara und ich bereits die Vorspeise gegessen. Sie freute sich als sie ihren Verlobten wieder sah, oder freute sie sich vielleicht am kleinen Aludeckel, den er nun demonstrativ und mit einem leisen Fluchen dem Alu-Sammelsack zufügte? Er ging zuerst unter die Dusche, was auch nötig war, roch er doch irgendwie so, als hätte er in einem Abfallcontainer nach einem Aludeckel gewühlt. Leider verpasste er nun den leckeren Hauptgang, den ich mit Barbara genoss. Während des Essens erzählte sie mir, dass sie penibel den Abfall trenne, so gut es geht. Von den Konservendosen zieht sie die Papieretikette ab, denn die gehöre zum Altpapier und nicht zum Alu. Bei den Nagellackfläschchen sei es schwierig. Das Fläschchen gehört zum Glas, der Deckel ist Plastik, aber der kleine Pinsel sei oft aus Naturhaar. Sie hätte diese mal über Jahre gesammelt und sie dann dem Coiffeur im Dorf gebracht, denn Haare, das habe sie mal gelesen, werden speziell recycelt. Sie erzählte mir, dass sie Roland nicht verstehen könne. Der würde sich regelrecht dagegen sperren, den Abfall zu trennen. Der Werfe leere Bierflaschen mit der Etikette zum Altglas. So was! Während Barbara die Speisereste in kompostierbar und nicht kompostierbar trennte, kam Roland aus dem Schlafzimmer. Er hatte einen Mantel an und in jeder Hand einen dick gefüllten Koffer. Barbara schaute ihn verdutzt an und fragte: "Roland! Was hast du vor?" Er sagte mit einem leichten Lächeln: "Das kleine Aludeckelchen hat mir die Augen geöffnet. Verwertbares von nicht verwertbarem zu trennen ist wichtig. Darum trenne ich mich nun von Dir!" Er ging zur Tür und verliess wortlos das Haus. Barbara war sprachlos. In ihrem Schock warf sie eine Bananenschale in den Behälter für kompostierbare Abfälle. Und jeder weiss doch, dass Bananenschalen nicht auf den Kompost gehören. Wenn das mal nicht ein Nachspiel hat?!

 

 

30. Juli 2012

Was sie wohl denken?

 

Meine Frau und ich sind nicht immer gleicher Meinung. Das ist vielleicht auch gut so. Ich zum Beispiel frage mich oft, was Kleinkinder – also Babys – so alles denken? Meine Frau versteht diese Frage nicht. "Was sollen sie schon denken? Nichts!" Ich aber bin der festen Überzeugung, dass auch kleine Kinder denken. Wir alle waren auch mal klein. Natürlich können wir uns nicht mehr daran erinnern, was wir im Alter von 6 Monaten gedacht haben, aber wenn ich mich erinnern will, was ich gestern so alles dachte, kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Ich kann mir nur vorstellen, was ein kleines Kind denkt, wenn es so im Kinderwagen durch die Gegend geschoben wird. Es liegt auf dem Rücken und was sieht es? Papa! Aus der Froschperspektive – sorry – aus der Buschiperspektive. Das kleine Kind blickt genau in Papa's Nasenlöcher. Es wird denken: "Die Nasenhaare könnte man auch wieder mal schneiden". Oder warum weinen Kinder, wenn die Windel voll ist? Weil sie denken: "Igitt, so was ekliges! Das muss nun sofort weg!" Sie können ja nicht wissen, dass sie mit 90 oder so, wieder Windeln tragen werden. Oder warum erbrechen kleine Kinder nach dem Essen? Zuerst weinten sie, weil die Windel voll ist. Aber die Mutter dachte, es weint, weil es Hunger hat. Also nochmals ein Fläschchen oben rein. Und das Kind denkt: "He, ich schrei wegen der vollen Windel – ich bin schon satt, es ist zum Kotzen." So sehe ich das. Gestern fuhren meine Frau und ich im Tram. Es war sehr voll, denn es war 7 Uhr am Morgen. Uns gegenüber sass eine junge attraktive Mutter mit ihrem Säugling. Als dieser kurz zu Plärren begann, zog die attraktive Mama eine ihrer noch attraktiveren Brüste aus der "Halterung" und der kleine Bursche begann zu nuckeln. Meine Frau blickte zu mir rüber und gab mir einen Stoss mit dem Ellenbogen in die Rippen, da ich wie hypnotisiert auf die attraktive Dockingstation starrte. "Ich weiss was du denkst", sagte sie leise zu mir. Ich gab ihr zurück, dass ich was ganz anderes Gedacht habe, als sie erwarten würde. Da es früh am Morgen war, war mir schlagartig etwas klar. Das was der kleine da bekam, war zweifelsfrei ein Frühschoppen...